Oft hört man „die sind ja alle nur zu faul“ und genauso oft hört man von freien Stellen. Was man weniger hört, zumindest offiziell, ist, dass viele Menschen trotz einer Berufstätigkeit von ihrem Lohn oder Gehalt kaum noch leben können. Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umhöre, höre ich immer öfter „Ich bekomme jetzt Harz IV“. Früher kannte ich nicht mal jemanden, der arbeitslos war. Heute kenne ich viele, die einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, einige, die dazu einen Nebenjob haben und trotzdem ohne einen staatlichen Zuschuss ihren Lebensunterhalt nicht mehr alleine bestreiten können. Besonders interessant finde ich die Diskussionen um einen Mindestlohn und die magische Summe von 7,50 Euro, die immer wieder in den Raum geworfen wird. Das klingt auf den ersten Blick ja ganz ordentlich, ob es nach Abzug der Abgaben zum Leben reicht, wage ich zu bezweifeln. Der Imbissbetreiber gegenüber zahlt seinen Sklaven zur Zeit ganze 3,00 Euro die Stunde, eine Putzfrau im steuerfreien Rahmen verdient ca. 6,00 Euro, der zu versteuernde Tariflohn liegt irgendwo um die 7,80 Euro. Viele der hiesigen Callcenter zahlen 5,00 Euro die Stunde, gelegentlich plus Provision. Wenn ich mir überlege, was ich zuletzt zu DM-Zeiten verdient habe und dazu die gestiegenen Kosten sehe, wundere ich mich nicht, dass man heute trotz Arbeit oft nebenbei auf Harz IV-Zuschüsse angewiesen ist. Und ja, wenn man sich die ganze Woche den Hintern wund arbeitet und trotzdem nicht viel mehr zum Leben hat als der Nachbar, der den ganzen Tag zu hause hockt, kann einen das schon wirklich missmutig stimmen. Auch kann man darüber streiten, ob es wirklich eine gute Idee war, privaten Arbeitsvermittlungen zwischen 1.000,00 und 2.000,00 Euro zu zahlen, wenn der vermittelte Arbeitnehmer mit einem Vermittlungsgutschein der Arbeitsagentur ausgestattet war. Ich höre nicht selten, dass diese Jobs nach ein paar Monaten wieder gekündigt werden. Vielleicht hätte man diese Gelder sinnvoller in Qualifizierungsmaßnahmen einsetzen können? Leider kenne ich auch niemanden, der nachdem er bis zu zwei Jahren in einem 1,00 Euro Job gearbeitet hat, im Anschluss fest eingestellt wurde. Letzteres liegt nicht selten an völlig schwachsinnigen Bestimmungen, denen die Arbeitsagentur folgen muss ...
Ich bin wirklich gespannt, wie sich die Geschichte mit dem Mindestlohn entwickelt!
Wir sind ein armes Land, wenn wir Mindestlöhne brauchen! Die einen sacken ein, die anderen kriegen nix? Wow, amerikanische Verhältnisse!
Klar, mein Stundenlohn liegt weiter über den Vorgaben, dafür trage ich als Selbstständige alle Verantwortung und 12-Stunden-Tage sind nicht selten, von den Abzügen mal ganz abgesehen.
Es zeigt, dass alles immer zwei Seiten hat und ehrlich gesagt, ich habe eindeutig Schwierigkeiten Angestellte zu finden, die für einen vernünftigen Stundensatz auch wirklich arbeiten. Meist ist es so, dass Aspiranten meinen, sie haben die Ausbildung und die Qualifikation und dürfen horrende Summen pro Stunde erwarten. Die Realität beißt sie dann in den Arsch, denn sie können nix, was soll ich damit? Oder sie sind sich zu fein, um auch mal zur Post zu gehen. Was auch keiner bedenkt ist die Einarbeitungszeit. Sorry, ich arbeite in der Werbung, ohne Plan geht hier nix und ich habe keine Zeit jemanden 3 Monaten einzuweisen. Ich habe in meinem Leben viel gelernt, gelitten, mich geduckt und gearbeitet, um da zu sein, wo ich nun bin, muss ich mich dafür entschuldigen?
Die Arbeitgeberseite muss man sich auch mal ansehen und die sieht so aus, dass man sich Mitarbeiter nicht immer leisten kann und daher vermittelte Arbeitslose kurzfristig einstellt. Auch möglich, dass einige davon einfach nicht qualifiziert oder willig genug sind. Gibt immer zwei Seiten.
Solange es besser und lukrativer ist arbeitslos zu sein, wird sich an der Moral bei einigen Mitbürgern nichts ändern. Die, die wirklich arbeiten wollen und können, ziehen den Kürzeren, was genauso bescheiden ist.
Wo ist die Lösung? Die muss von oben kommen! Der Sozialstaat wird immer weniger sozial, die Zwei-Klassen-Gesellschaft zeichnet sich ab, die Steuern und Lebenshaltungskosten steigern, die Löhne werden verordnet ....
Für mich gibt es nur eine Lösung: Weiterackern und irgendwann das Weite suchen. Ein Land, dass mich zu schätzen weiß, mich fördert und mich nicht einengt, dauernd neue Vorschriften auf die Nase knallt und mich in Ruhe arbeiten lässt.
smaragdgrün
Für mein Empfinden waren wir noch viel ärmer, als wir eine Frauen-Quote einführten. Anderes Thema – inzwischen ein alter Hut!
Als ich vor vielen Jahren mal in eine Diskussion einwarf „Wir nähern uns amerikanischen Verhältnissen“ hätte man mich beinahe gesteinigt. Wie schön, dass das heute ausgesprochen werden darf.
Sicher muss man beide Seiten sehen, wobei ich mich über Managergehälter lieber nicht äußern mag. Nimmt man aber den „normalen“ Arbeitgeber, so hat der allzu oft mein Verständnis und sicher auch das der sonst noch arbeitenden Bevölkerung. Das ein kleinerer Betrieb sich keine langen Einarbeitungszeiten leisten kann, war zu Zeiten meiner ersten Arbeitsaufnahme schon so. Auch eine gewisse Bildung schützt vor Dummheit nicht, Fachidiot bleibt manchmal Fachidiot und eine Kassenkraft sollte zehn Prozent von "X" mal eben ohne Taschenrechner errechnen können.
Wenn ich aber von meinem Bekanntenkreis spreche, so sind die alle nicht mehr in der Kategorie „ganz junges Gemüse“ und schlicht zu jung für die Abteilung „altes Eisen“, meist gut bis sehr gut ausgebildet, intelligent, in der Regel auch sozialkompetent und selbst die darben inzwischen oder entwickeln eine gewisse Neigung zum Zweitjob. Einige verloren ihren Job aufgrund von Insolvenzen, andere mussten lernen, mit weniger Geld für mehr Arbeit auszukommen. So manch einer läuft wegen seines Alters gegen Wände, andere sind überqualifiziert.
Ehrlich gesagt habe ich mir zum Thema Mindestlohn noch keine abschließende Meinung gebildet. Im Grunde finde ich ihn zum Heulen. Auf der anderen Seite sehe ich ihn als eine Möglichkeit, einer gewissen Entwicklung entgegen zu wirken, vorausgesetzt, er gilt dann für alle. Dann sehe ich wieder das Lohngefälle z.B. innerhalb der EU. Insgesamt ein schwieriges Thema!
Allerdings kann es auch nicht so weitergehen, dass der, der arbeitet, mit seinem Einkommen kein Auskommen hat.
schieferblau
Ja, die Frauenquote, die Behindertenquote, die Gleichstellungsbeauftragten - schon interessant, was alles verordnet werden muss, was an sich völlig normal sein sollte!Klar, wir hecheln Amerika schon Ewigkeiten hinterher; ich würde sogar behaupten, es fing mit dem Wirtschaftswunder an. Ich meine, da ging der Kapitalismus - damals verständlicherweise - los und kurz danach folgte auch die Missachtung der Umwelt - die Folgen baden wir insgesamt nun aus.
Managergehälter. Da bin ich zweischneidig, denn man muss halt auch die andere Seite sehen und die besteht darin, dass ein Manager im Normalfall eine teure Ausbildung hinter sich hat, sehr hart arbeitet und dafür auch viele Annehmlichkeiten verzichtet und nicht zuletzt auch die Verantwortung trägt. Ich gehe davon, dass kaum jemand, der den Alltag eines Managers oder gerne auch Politikers kennt, mich ihm oder ihr tauschen würde. Schon mal bemerkt, wie viele von den hohen Tieren jung sterben, beim Psychologen hocken, geschieden sind und Krankheiten wie Burnout, Herzinfarkt und Co. haben? Da finde ich die Gehälter oft völlig gerechtfertigt. Ich finde es auch völlig in Ordnung, dass mein Stundensatz höher als der eines Arbeiters oder Angestellten ist, denn als viele bereits Geld verdienten, habe ich mich mit Aushilfsjobs jahrelang durch Studium geackert. Kein Papa und kein Staat (und kein Hartz4), die mich jahrelang unterstützten. Es hieß Existenzminimum und überleben, während viele meiner Schulkollegen sich ein Auto, eine Eigentumswohnung, schicke Einrichtung kauften und das nur, weil ich mehr Bildung wollte.
Noch mal zu Manager: Der Durchschnittsbürger lebt da viel besser. Klar, er hat nicht das Geld zur Verfügung und die finanziellen Möglichkeiten, aber er hat sein geregeltes Leben und eben nicht das Drumherum wie Verantwortung, etc. . Ich sage nicht, dass alle in höheren Positionen gerechtfertigterweise hohe Gehälter beziehen, aber eine Menge schon.
Dann möchte ich noch die Globalisierung anfügen, die Vor- und Nachteile hat. Ein Nachteil ist, dass die Lohn- und Lohnnebenkosten derzeit anderswo halt noch günstiger sind und logisch, wenn ich woanders eine vergleichbare Leistung für weniger Ausgaben bekomme, nehme ich die. Macht der Durchschnittsbürger ja - im anderen Rahmen - auch so. Denk mal ans Thema einkaufen oder Urlaub. Wie viele Menschen fliegen in die Türkei oder nach Ägypten, weil es so wunderbar günstig ist? Logisch, dass die Einwohner das Geld der Touristen geil finden und sich da genauso dran gewöhnen wie wir und mehr wollen. Oder die ganzen Billigflüge, die auch Du nutzt, wie kommen die zu Stande? Ja, es wird am Personal und Service gespart, ergo an den Lohnkosten, womit wir wieder beim Mindestlohn sind ...
Die Lösung? Hm, ich kenne sie nicht. Auch ich lebe von der lukrativen Werbung und habe akzeptiert, dass ich entweder nett und moralisch bin oder überlebe. Ich boxe mich durch. Ich arbeite nun mal täglich locker 10-12 Stunden, während die meisten Angestellten nach 8 Stunden nach Hause gehen und das war es mit Arbeit für den Tag. Die meisten meiner Kunden leben exakt so und sind sehr erstaunt, dass ich am Wochenende nicht arbeite oder mir, wenn möglich, 8 Stunden Schlaf gönne. Diese Kunden sind aber alle selbstständige Unternehmer, die einen Job und Geld haben.
Nein, ich sage nicht, macht Euch - oft unüberlegt - selbstständig, muss jeder für sich entscheiden. Nein, ich kannauch nicht beurteilen, wie qualifiziert oder arbeitswillig Dein Umfeld ist, aber ich weiß, es gibt immer einen Weg. Der ist nur nicht immer gerade und die Idee, wie unsere Eltern 40 Jahre einen speziellen Job auszuüben, ist mehr als überholt. Wir müssen flexibel und lernfähig sein und Kompromisse eingehen. Das meine ich generell, denn es gibt immer Ausnahmen.
smaragdgrün, die am Freitagabend um 0.33h noch ein Stündchen arbeiten wird ...
Die lieben Quoten. Da sind wir uns einig, es sollte sie nicht geben. Auch bezüglich Deiner Ausführungen zur Globalisierung stimme ich Dir zu, wenn auch mit einem zart weinenden Auge. Natürlich schaut ein jeder, dass er eine Leistung so günstig wie möglich bekommt. Die Frage ist nur, wo das auf Dauer hinführt. Hier sollte die Politik ansetzen und den Standort Deutschland für Arbeitgeber attraktiver gestalten und auch an der Infrastruktur arbeiten ...
Manager- / Politikergehälter: Solange Manager oder auch Politiker ihrer Verantwortung gerecht werden, habe ich gar kein Problem damit, dass sie höhere Gehälter beziehen. Nur ist für den „Normalbürger“ oft schwer nachvollziehbar, warum z.B. Herr XY sich mal eben 62 % auf sein armseliges Managergehalt aufschlägt und der Normalbürger für ein gleichbleibendes Gehalt, bei höheren Lebenshaltungskosten dieselbe oder mehr Leistung bringen soll. In dem Fall solidarisiere ich dann doch eher mit dem „Normalbürger“. Und wenn ich mich mal als „Normalbürger“ sehe, dann beklage ich auch gerne, dass die lieben Steuern, die man so zahlt, allzu oft zum Fenster hinausgeworfen werden. Auch Du wirst Dich ärgern, wenn Du nur einige Minuten auf die Seite vom Bund der Steuerzahler schaust.
Natürlich ist es gerechtfertigt, dass Dein Stundensatz höher liegt, als der einer Angestellten. Für nicht gerechtfertigt halte ich es, dass z.B. Politiker Gelder einstreichen, wenn sie ihren Job nicht machen und in Sitzungen durch dauernde Abwesenheit glänzen, s. z.B. Carl Eduard Graf von Bismarck.
Zur Verantwortung: Auch manch popeliger Angestellter trägt Verantwortung, mitunter vielleicht mehr, als einem bewusst ist. Ich glaube, man sollte ihn entsprechend entlohnen. Ich möchte auch nicht zwingend z.B. mit einer Krankenschwester, einem Flugzeugelektroniker oder Feuerwehrmann tauschen und ich hege gewisse Zweifel daran, ob diese Angestellten immer ihrer Verantwortung gemäß entlohnt werden. Diese Berufsgruppen arbeiten im übrigen alle im Schichtdienst und haben vermutlich auch nicht gerade eine besonders hohe Lebenserwartung bei bester Gesundheit.
Sicher gibt es in jedem Beruf auch faules Pack und ganz sicher reiten genug Arbeitsunwillige lieber auf Hartz IV, als ihren Hintern irgendwo zur Arbeit zu schieben. Ich bin hier für viel schärfere Kontrollen. Leider mangelt es da wohl wieder am Personal! Dennoch bin ich der Meinung, dass es in einem eigentlich reichen Land möglich sein muss, ordentliche Gehälter zu zahlen, wenn ordentliche Arbeit erwartet wird und finde es mehr als traurig, wie schwierig es heutzutage selbst mit bescheidenen Ansprüchen zu sein scheint, sich mit „nur einem“ Job den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen.
Flexibel zumindest scheint mein Bekanntenkreis zu sein, schlagen sich etwa 2/3 mit derzeit zwei Jobs durch. Ich selbst arbeite zur Zeit auch nicht in meinem Job, wie Du ja weißt und verdiene so wenig, dass ich davon nicht mal gescheit verhungern könnte. Wäre ich nicht noch verheiratet und dadurch entsprechend mitversorgt, würde ich ohne einen staatlichen Zuschuss zur Zeit auch nicht auskommen.
Eine Patentlösung habe auch ich nicht anzubieten.
Die Frage bleibt: Was bringt ein Mindestlohn? Und die wird sich uns wohl irgendwann beantworten ... warten wir es ab.
LG
schieferblau, die smaragdgrüns "Schichtarbeitszeiten" auch nicht eben gesundheitsfördernd findet ;)