Freundin C. hat eine kleine Wohnung gekauft, die renovierungsbedürftig ist. Weil Eigentum geben wir uns richtig Mühe und machen alles ordentlich und aufwendig. So auch Türen und Türrahmen abschleifen und streichen. C. hat allerdings lediglich einen kleinen Winkelschleifer vom Discounter. Schlecht. Papa hat aber einen fetten Winkelschleifer, irgendwo in den Untiefen des Kellers, den ich seit Jahren meide, weil er so voll ist.
Gestern war es aber soweit, ich wagte mich in Papas 30-Quadratmeter-Keller, wo ungeahnte Schätze weilen. Also zur Seniorin, bei der mich immer Aufgaben erwarten. Gestern war es das langwierige Abnehmen und Wiederaufhängen von Gardinen und Vorhängen. Deine Sis ist Linkshänderin, altmodische Gardinenstangen sind genormt. Beides Fakten, dachte ich. Nein, nicht, wenn es nach der dementen Zicke geht, die der Meinung ist, Gardinenstangen müssen immer von der rechten Seite bedient werden. Ihre Worte ignoriere ich die meiste Zeit, kletterte unter ihrem Gezeter auf die linke Seite der Fensterbank und nahm die Gardinen und Vorhänge ab. Logisch, dass eine halbe Stunde versucht wurde Streitgespräche zu führen. Warum? Konnte sie mir selbst nicht erklären, weil meine linke Methode natürlich problemlos funktionierte.
Sorry Sis, bereits hier lache ich Tränen ... Linke Methode ... saugeile Formulierung! *kicher*
Sorry Sis, bereits hier lache ich Tränen ... Linke Methode ... saugeile Formulierung! *kicher*
Danach stand das monatliche Sortieren der leeren Wasser- und Bierflaschen in die jeweiligen Kästen an. Nein, sie wollte nicht, weil mal wieder im TV irgendwas lief, was viel wichtiger ist und sie sowieso keine Lust hatte. Wie immer. Beim letzten Großeinkaufen hatten wir zwei Sixpacks mitgenommen, die natürlich einzeln rumstanden, die auch abgegeben werden sollen und daher ins Auto müssen. Tja, großes Problem, denn ich sagte, pack die einzelnen Bierflaschen ein. Wie? Worein? Warum? Ich ließ sie 5 Minuten zappeln, um ihr dann zu sagen, dass einzelne Flaschen sich richtig gut in einem Beutel oder einer Tüte machen und zwecks Transport dort auch gut aufgehoben sind. Gemaule von ihr, weil sie ja wieder zwei Zimmer durchqueren musste, um so ein Behältnis aufzutreiben.
Zurück in der Küche sollte ich den langen Einkaufszettel schreiben und bat sie um ein Blatt Papier, woraufhin sie mir ein kleines Stück Papier vor die Nase warf. Ich bat, mies wie ich bin, um einen DIN-A4-Zettel. Erneutes Gemaule und die Frage, wo sie denn so was auftreiben solle? Ich schwieg, sie erhob sich unter Gemotze und 5 Minuten später hatte ich den Zettel, der auch ziemlich voll war.
Zwei Kästen Wasser, ein Kasten Bier, eine Tasche mit 12 leeren Bierflaschen sowie ein Klappkorb standen mir gegenüber, wobei ich - wie üblich - nur zwei Arme habe. Da die Renterin natürlich nicht 2 Etagen die Treppe runtersteigen wollte, um ihre Kästen zum Auto zu bringen, gab es erneute Gemaule und überflüssige Diskussionen. Schließlich würde sie sicherlich hinfallen und dann? Ausreden über Ausreden, die sich nur um ihre Person drehen. Um wen auch sonst? Nach weiteren 30 Minuten und merkwürdigen Ansätzen ihrerseits ging es endlich in die Garage.
Ich blieb gleich unten, um mich in den Keller zu wagen. Dort angekommen standen mir Tränen in den Augen. Das ist Papas Heiligtum, wo ich immer Assistentin war und nun walten und schalten soll. Weinend schaffte ich es zwei Müllsäcke zu füllen und ein paar leere Kartons zu entsorgen. Auch ein paar von Papas Arbeitsklamotten gehörten dazu. Sie riechen nicht mehr mal nach Papa. Vier Jahre und nur noch ein Schatten, eine Erinnerung ist da. Ich saß minutenlang auf einem Eimer Farbe mitten im überfüllten, staubigen Keller und weinte. Weinte, weil Papa nicht mehr da ist. Weinte, weil ich ihn nirgendwo mehr riechen kann. Weil er nicht mehr mit mir lacht, mir etwas erklärt, mich nicht mehr in den Arm nimmt. Ja, ich weinte um mich, die zurückgeblieben ist, sich weiterhin wie amputiert fühlt und dazu noch die grenzdebile Rentnerin am Arsch hat. Machte mir Gedanken über Doros Worte, die sagte, dass er uns ganz dominiert hat und immer noch da ist, weil wir uns so schwer mit seinem Verlust tun.
Ja, es ist so. Es tut immer noch weh, das körperlich spürbare Loch ist immer noch da. Er fehlt vorne und hinten. Ich verstehe das, lass dich an genau dieser Stelle mal drücken ...Selbst weihnachtlich ist es ohne ihn nicht mehr. Ich mag nicht urteilen, aber er war so wunderbar und immer da - und die Emotionen hauen mich immer wieder von den Socken. Emotionen mit denen ich alleine bleibe, weil sie niemand auffängt, vielleicht auch nicht auffangen kann. Wen interessiert es auch? Die Rentnerin? Nein, sie drückt alle Gespräche weg, wie sie immer und vor allem wegläuft und den Haufen mir vor die Füße kackt.
Irgendwann habe ich imposanten Schwingschleifer gefunden. Als Papas rechtmäßige und würdige Erbin kann ich mit dem Ding sogar umgehen. Klar, was kann ich eigentlich nicht? Was gibt es auf der Welt, dass ich nicht schaffe? Erschütternde Selbsterkenntnisse trafen mich im Keller auch noch. Wie viele von Papas "Aufgaben" und "Jobs" habe ich übernommen ohne recht zu wissen, wie? Ich habe mich in den letzten vier Jahren jeder Herausforderung gestellt, egal wie mühsam und schwer sie war. Ich bin sie angegangen, habe sie bewältigt. Meine Emotionen? Ob ich überhaupt will? Oder jemals einfach nur sagen möchte, ich kann das nicht. Wer hilft mir? Kann mich mal jemand in den Arm nehmen und einfach sein lassen? Keine Fragen von niemanden. Kein Interesse. Nichts. Wohl mein Karma, alles allein schaffen zu müssen und sich dann zu wundern, dass man zum Eremiten wird?
Zurück nach oben, wo die starrsinnige Rentnerin natürlich vorm TV hockte, dass mich anbrüllte, dazu eine Raumtemperatur von gefühlten 30 Grad. Da wir was beim Italiener bestellen wollten, bestürmte sie mich gleich mit dem Gemecker, sie habe Hunger und wann ich endlich was bestellen würde. Würde ich, aber erst, wenn ich mich gewaschen und umgezogen hätte. Denken ist nicht ihre Stärke. Hat sie angeblich nie gelernt und was man ihrer Ansicht nach nicht als Kind gelernt hat, kann man auch mit 70 nicht.
Bestellt und ins heiße, verqualmte Wohnzimmer gesetzt. Ein Anruf von einer Bekannten, die ihr eine Telefonnummer gab. Fragezeichen in meinen Augen und die dumme Idee nachzufragen, was für eine Nummer das sei? Die meines Bruders, der habe Montag Geburtstag und sie werde ihn anrufen. Dass er unter seinen bisherigen Nummern nicht mehr erreichbar ist, sich in psychiatrischer Behandlung befindet, sich seit Februar nicht mehr gemeldet hat und ein Mensch ist, ging ihr verloren. Nein, sie wolle ihn anrufen und mal dem Marsch blasen. Er sei ihr Sohn, sie dürfe das und er habe sich danach zu richten, ihr zu helfen, weil sie so arm dran sei. Ich sagte ihr, das mache mehr kaputt als gut. Warum sie ihn nicht in Ruhe lassen könne? Nein, sie sei die Mutter.
Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Sie respektiert und akzeptiert niemanden, außer sich selbst. Sie überschreitet immer wieder alle Grenzen, weil sie meint, sie habe das Recht. Sie kennt nur ihre eigenen Grenzen, anderen existieren nicht. Sie unterbricht jeden Satz, den ich beginne. Sie interessiert sich nicht für die Meinung anderer Menschen. Sie hat Recht. Punkt. Wie kann man so sein?
Auch wenn ich meinen Bruder für einen verlogenen Feigling und Drückeberger halte, die Gerechtigkeit kam in mir durch. Mühsam versuchte ich ihr zu erklären, warum es falsch sein ihn zu bedrängen und man niemanden zwingen könne und solle. Ich weiß nicht, ob sie es verstanden hat. Wahrscheinlich nicht. Aber zumindest habe ich es versucht.
Nun ist Sonntag. Ich sitze hier und weine, weil ich mich so überfordert fühle. Nein, mein Leben funktioniert. Was von ihr kommt, laugt mich aus. Kein Wunder, dass ich so wenige soziale Kontakte ertrage und mich die Probleme oder Sorgen von anderen Menschen nicht nur ermüden, sondern mir meist auch klein und nichtig erscheinen. Ich fühle mich wie im kalten Meer treibend und klammer mich an meinen schmalen Rettungsring, der da ich heißt. Weil ich nicht weiß, wer mir wie helfen könnte, halte ich die Klappe und mache, was ich richtig gut kann: Ich helfe anderen, aber das Wasser steigt und steigt. Die Lösung? Keine Ahnung. Kann bitte jemand die DLRG losschicken. Ich brauche Hilfe, bevor ich absaufe ...
Die Arschbacken hast ja zusammen-gekniffen und bist - irgendwie - da durch (Schimpf am Rande: ich zahle meine Telefonrechnungen eben noch, kannst also auch direkt in mein Ohr heulen oder zicken *motz!*)
Sie ist eben Deine Mutter. Dein Bruder ist ein faules, Ego-Erblauer-Stück "...", war er wohl schon immer.
ABER:
Du wirst schon genau das tun, was richtig ist! Und verstehe mich um Himmels Willen nicht falsch!!! Richtig ist immer genau DAS, was Notwendigkeiten gerecht wird und Luft zum Atmen lässt.
Ach Sis, wenn ich mit und bei jemanden weine, dann mit und bei Dir, aber ich glaube, es war richtig einfach mal alles zu schreiben und so gleichzeitig zu sortieren. Mir hat das bereits ungemein geholfen.
Außerdem sind wir beide furchtbar rücksichtsvoll und denken gerne, die andere hat Besseres zu tun ;-)
Ja, genau wie Du. Wir machen immer das Richtige, das Beste aus jedem noch so jämmerlichen Rest. Wir kneifen zusammen, stellen uns zurück - immer in der Hoffnung, das könnte sich ja mal ändern.
Wenn ich mir das fast abgelaufene Jahr so anschaue, erkenne ich eindeutig Verbesserungen zu meinen Gunsten. Wehe, wenn das bei Dir nicht so ist!
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