10. Januar 2010

Seniorenbetreuung: ein harter Wintertag

Draußen fegt Tief Daisy umher, es ist kalt, es liegt Schnee und ich habe eine so kräftige Sinusitis, dass mich mein HNO missmutig anschaute, mir zur Strafe wortlos 10 Tage Antibiotika aufgebrummt hat und Schonung befahl.

Die Seniorin interessiert das nicht wirklich. Sie kann nicht gut laufen, sie schläft schlecht, sie ist nicht gut zurecht - kurz, sie nervt ungemein. Krank wie ich bin, habe ich mich am Freitag aufgemacht, um sie zu besuchen. Zum Glück hatte ich kein Fieber mehr, aber schön is anders.

Zur Bank war sie schon vor 2 Tagen gegangen und hatte Geld geholt, dafür wollte sie natürlich hochtrabend gelobt werden, weil sie mir ja so viel Arbeit abgenommen hat. Also ging ich einkaufen und weil ich ja gerne backe und sie so gerne Kuchen isst, gleich auch die Zutaten für einen Kuchen eingekauft.

Bei ihr angekommen, war ich fertig mit der Welt, nassgeschwitzt ob der Anstrengung und dazu eingefroren - keine schöne Mischung. Schließlich ging es ans Backen und das Theater nahm seinen Lauf: Das Backblech nicht richtig sauber, die Küchenmaschine auch nicht sauber, jeder zweite Löffel auch nicht, ergo musste per Hand nachgespült werden. Die Rentnerin total sauer, weil liegt ja an der Spülmaschine, ich stell mich an und überhaupt. Eigentlich war sie sauer auf sich und mich, weil sie nämlich keinen Bock auf nichts hat und ich sie dabei erwischt habe. Der Kuchen war im Ofen, machte ich mich ans Essen machen, was sie nicht kann, weil sie ja keine Lust dazu hat und üblicherweise alles in einen Topf klatscht, den Herd anmacht und sich vor den Fernseher knallt und bedudeln lässt. In der Zwischenzeit verkocht das Essen oder brennt an, mit Gewürzen kennt sie sich auch nicht aus, jedenfalls koche lieber ich, was ihre Faulheit natürlich prächtig unterstützt. Dazu den großen Topf aus dem Schrank geholt, den sie eigenhändig gespült hat. Leider war dieser ebenfalls nicht sauber, ein dicker Fettrand klebte an seinem Innenrand. Tja, die Woche zuvor gab es Hühnersuppe und wer hatte mal wieder kein Interesse daran zu spülen, weil das Leben so hart und anstrengend ist? Die Rentnerin!

Logisch auch, dass ich sie ruhig fragte, warum denn alles so dreckig sei? Ob ihr das zu viel ist oder was der Grund ist? Wie immer kamen erst Ausreden und Heulerei, bis nach einer halben Stunde kam, das sei ihr egal und ich würde immer motzen. Entschuldigung, dass ich nicht die Hühnersuppe der letzten Woche essen mag und auch nicht ihren überbackenen Camenbert, deren Reste auf dem Blech prangen oder die angetrockneten Reste an der Küchenmaschine und mich auch nicht auf eine Klobrille setzen mag, wo ihre Kackereste mich anleuchten.

Klar, ich motze dauernd, weil ich dauernd was aus dem Schrank nehme und es ist nicht sauber. Fragt man sie, liegt es daran, dass mein Vater nicht mehr da ist. Logisch, dass ich ihr mitteile, dass der die letzten 10 Jahre seines Lebens damit verbracht hat, alles sauber zu halten und ihrem Arsch hinterher zu räumen. Natürlich führte ich ihr das vor Augen und natürlich heulte sie gleich los, das Leben sei so furchtbar, sie so einsam und überhaupt. Eine neue Putzfrau muss ich ihr besorgen, das kann sie nicht, aber die letzten drei putzten auch nicht gut und furchtbar langsam und eigentlich haben die nur mit ihr Kaffee getrunken - ihre Aussage. Die letzte war besonders arm dran, denn sie hatte zwei Kinder, 2 und 5, was nicht schlimm war, denn die Kinder waren super lieb und nett. Die Rentnerin will aber immer was zum Anfassen und Kuscheln, ist aber selbst eher grob und rupfte daher rabiat an den fremden Kindern, damit diese auf ihren Schoß springen und mit ihr kuscheln. Natürlich fanden die das doof, liefen zur ihrer Mama und, böse Fall, zu mir. Kinder und Tiere kommen immer zu mir, warum weiß ich auch nicht, vielleicht, weil ich sie einfach in Ruhe lasse.

Die Rentnerin macht das natürlich bitterböse, weil ich ja ihr Hassobjekt bin, alles bin, was sie nicht ist, was sie einerseits ganz toll, andererseits ganz furchtbar findet. Jedenfalls saß ich dann da mit zwei süßen Jungs, die auf mir rumkletterten und die Seniorin war wieder mal die Gearschte, wobei natürlich ich die Schuld trug oder die Kinder schlecht erzogen sind. Denken ist ja auch nicht ihr Ding.

Zurück zum Essen und Kuchen. Sie jammerte, weil ich motzte und dann kam, was immer kommt: Du musst ja nicht kommen. Wegen mir musst Du auch keinen Kuchen backen. Ahja, ist klar. Und wer ruft fünfmal bei mir an, wenn ich mich mal einen Tag nicht melde? Sie. Sie ist einsam und alleine, aber so wie ich bin, will sie mich auch nicht. Ich soll das liebe Töchterlein sein, dass ihr jeden Wunsch von den Augen abliest, ihr das Händchen streichelt und sie ist das liebe, alte Mütterlein, dass sich für ihre Kinder den Buckel krumm gearbeitet hat. Leider ist das aber nicht so.

Die Mutter hat ihre Tochter nämlich nie in den Arm genommen, wenn diese sich weh getan hat und auch sonst nie angefasst. Sie hat ihr noch nie etwas vorgelesen oder sie gepflegt, wenn sie krank war. Sie hat sich nicht einmal für die Interessen ihrer Tochter interessiert, sondern lieber vorm TV abgehangen. Sie hat ihrer Tochter sehr wenig beigebracht, weil die mit 14 schon besser nähen und kochen konnte als sie selbst. Die Mutter hat ihre Tochter sehr oft geschlagen und ihr Leben lang emotional erpresst. Die Mutter hat mit ihrer Tochter oft eine Woche lang nicht gesprochen, wobei sie der Tochter nie sagte, was sie denn falsch gemacht hat. Die Mutter hat der Tochter mehr als einmal Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke Wochen nach dem Ereignis weggenommen, weil die Tochter etwas gemacht hat, was der Mutter nicht gefiel. Die Mutter findet es selbstverständlich, dass sie bedient wird, käme selbst aber nur unter Protest auf die Idee der Tochter etwas zu schenken oder ihr aus der Küche ein Getränk mitzubringen. Die Tochter ließ sich lieber von ihrem Vater die Haare schneiden, weil sie dann kein Auge verlor und ebenso nicht von der Mutter waschen lassen, weil die Mutter so grob war, dass es wehtat. Weiterhin ließ die Tochter sich nie von der Mutter die Finger- oder Fußnägel schneiden, weil die Mutter regelmäßig so schnitt, dass Blut auftrat, was natürlich wehtat. Die Mutter besteht auf Geschenke, Aufmerksamkeit und Zuwendung, gibt aber nichts, rein gar nichts. Die Mutter, die auch wenn ihre Tochter zu Besuch ist, mit dieser am liebsten vorm Fernseher hockt, weil sie ja nichts zu sagen und auch nichts zu fragen hat.

Die Tochter hing an ihrem Vater, weil der mit ihr gekuschelt, gelacht und gestritten hat. Weil er vielseitig interessiert war und nachgefragt hat, wenn sie etwas nicht verstanden hat oder er etwas wissen wollte. Er hat sie nie geschlagen und ihr immer erklärt, was sie falsch gemacht hat. Der Vater hat der Tochter so viel beigebracht, nicht nur Wissen, sondern auch Weisheit. Er hat nie etwas gefordert, aber viel gegeben und die Tochter hätte ihm alles gegeben, was sie hatte, weil er so voller Wärme und Liebe und Lachen war, dass es schon wehtat.

Die Mutter versuchte den Sohn an sich zu binden, die Tochter und den Mann. Die Tochter und der Vater waren aber seelenverwandt, der Sohn eher eine verlorene Seele. Sohn und Mutter wurden von Eifersucht und Neid zerfressen, denn Tochter und Vater liebten sich immer, egal wie sehr sie sich stritten. Leider ist der Vater verstorben, der Sohn lässt sich nicht blicken, daher soll die Tochter alles ausbaden. Aber warum? Weil die Mutter sie geboren und ernährt hat? Denn mehr ist da nicht. Als die Mutter der Tochter gestern sagte, sie sei nicht die Tochter, die sie haben wollte, sagte die Tochter nur lakonisch, die Mutter solle sich trösten, sie habe auch immer eine ganz andere Mutter gewünscht.

Nein, es war nicht richtig von mir, aber was soll ich tun? Sie ist alles, was ich nicht mag und bin: Jedes Wort von ihr ist ein Vorwurf oder ein Angriff, was natürlich ihrer Meinung nach nicht stimmt. Alle sagen, sie sei so lieb und nett. Klar, die sehen oder hören sie ja auch maximal ein- bis zweimal im Jahr, da ist es leicht. In ihren Augen bin ich das Problem. Ich war ja schon immer was Besseres, ich habe Abitur und studiert, ich bin ja selbstständig und habe einen komischen Männer- und Freundinnengeschmack. Das ist dafür gelernt und gearbeitet habe, vergisst sie gerne. Ich bin mir sicher, sie würde auch versuchen, Dich schlecht zu machen. Sie ist so voller negativer Energie, was mir eigentlich schon wieder leid und Leid tut.

Ich bin ja nur froh, dass im Laufe meines Lebens einige, sehr verschiedene Menschen meine so genannte Familie kennengelernt haben und meiner Meinung sind, aber sie gehen auch nicht immer wieder zu ihr.

Warum gehe ich überhaupt noch zu ihr? Weil mein Papa gesagt hat, ich solle mich um sie kümmern. Weil sie niemanden hat, nicht einmal Freunde. Weil ich immer noch denke, sie ist der letzte Rest von meinem Zuhause, meinem Ursprung und weil dort so viel Papa ist. Wenn ich in seinem Keller bin, wo sie nie war, setze ich mich manchmal einfach auf einen Farbeimer und weine. Weine, weil ich so viel am Arsch habe, weil ich mir selbst leid tue, weil Papa nicht da ist, weil ich nicht mehr weiter weiß und dort in Papas Keller mein Rest zu Hause ist. Weil ich dort ich bin. Dort will reißt niemand an mir rum, meckert niemand über mich, nervt mich niemand. Dort ist es still. Keine Bedingungen, keine Forderungen. Dort nimmt mich zwar auch niemand in den Arm, aber es reißt mir auch keiner die Arme aus. Schlimm, oder? Mein Zuhause sind ein paar Quadratmeter staubiger Keller mit ganz viel vertrautem Werkzeug und noch viel mehr Erinnerungen. Dort im Keller darf ich klein, zerbrechlich und sanft sein. 

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